Gesellschaftliches Engagement

Kultur auf Abstand

Kleinere und gemeinnützige Kulturbetriebe werden von Zukunftsängsten geplagt. Noch immer sorgt das Coronavirus für leere Plätze oder löst ganze Events in Luft auf.

Seit Juni sind Kulturveranstaltungen unter bestimmten Auflagen wieder gestattet. An der schwierigen Situation, in die vor allem kleine und gemeinnützige Kulturbetriebe durch den Corona-Lockdown geraten sind, ändert das zunächst wenig: Durch die notwendigen Abstandsregeln können Theater nur einen Bruchteil ihrer Sitzplätze verkaufen. Die Kosten für Personal und Technik fahren jedoch auch für weniger Publikum auf 100 Prozent hoch. Festivals mussten und müssen komplett ausfallen, ebenso aufwändige Show-Produktionen. Wir haben Betroffene in Baden-Württemberg gefragt, wie sie mit der Situation umgehen. Sicher ist: Sie lassen sich nicht unterkriegen und zeigen jetzt erst recht, wie viel kreatives Potential in ihnen steckt.

„Oh wie schön wär’s Zeltival“


Kulturzentrum Tollhaus Karlsruhe
 

„Wir gehen möglichst positiv mit der Situation um“, sagt Johannes Frisch vom Tollhaus Karlsruhe. Das für die Vereinskasse wichtige „Zeltival“, dessen üppiges Programm sonst von Juli bis August tausende Besucher lockt, ersetzt das soziokulturelle Zentrum ab 17. Juni durch das „Tollhaus Lucky 100 Sommerfestival“. Bis Ende des Monats gab es im Hauptsaal mit seinen 900 Sitzplätzen und im lauschigen Biergarten auf dem Gelände des Alten Schlachthofs zehn Live-Veranstaltungen für jeweils bis zu hundert „glückliche“ Gäste – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Am 19. Juni kam der große Tollhaus-Saal so doch noch pünktlich zu einer angemessenen Party anlässlich seines zehnten Geburtstages. Ab 3. Juli startet unter dem beziehungsreichen Titel „Oh wie schön wär’s Zeltival“ Teil 2 des Tollhaus-Sommers. „Wir hoffen, dass bis dahin die Vorschriften weiter gelockert werden und mehr Besucher dabei sein können“, erklärt Frisch den Grund für die Unterteilung, „das erfahren wir aber erst kurzfristig.“

Die Besucher*innen bezahlen einen solidarischen Eintrittspreis: „Die meisten Leute werden durch die Krise ja nicht reicher, aber wer es sich leisten kann, ist auch gerne zu einer solidarischen Unterstützung der Kultur bereit“, hat Frisch erfahren. Der Verein mit seinen etwa hundert aktiven Ehrenamtlichen beschäftigt mehr als 20 Festangestellte und zahlreiche Honorarkräfte. Am Anfang des Lockdowns standen die Fans dem Tollhaus mit dem Kauf von „Corona-Care-Beuteln“ zur Seite: 300 mit Büchern, CDs, Wein und Ticketgutscheinen gefüllte Beutel wurden umweltfreundlich weitgehend per Fahrrad an die Empfänger ausgeliefert, die den Grundpreis von 60 Euro oft freiwillig aufrundeten.

Das Juliprogramm wird kurzfristig, aber rechtzeitig unter tollhaus.de veröffentlicht. Dort kann man auch genüsslich in einer digitalen „Tollhaus-Schatzkiste“ voller musikalischer Videos wühlen.

www.tollhaus.de

Nächstes Jahr wird alles wieder gut


Kulturverein Einhalden
 

Auf dem Einhaldenfestival feiern jedes Jahr rund 5000 Besucher. In diesem Sommer bleibt es auf dem Hof Geratsreute bei Ravensburg still. 17.000 Euro Fixkosten muss der Kulturverein Einhalden dieses Jahr dennoch stemmen. „Wir sind froh, dass wir Sponsoren wie die Sparda-Bank haben, die ihren Teil dazu beitragen, dass wir weitermachen können“, sagt Veit Hübner, Festival-Mitbegründer, künstlerischer Leiter und Kontrabassist des Musik-Comedy-Trios Berta Epple. Die beste Nachricht: „Es ist uns gelungen, das komplette Programm ins Jahr 2021 zu transferieren. Alle Künstlerinnen und Künstler haben für den neuen Termin vom 29. Juli bis 1. August 2021 schon zugesagt, sogar Gerhard Polt, der dieses Jahr seine Bühnenkarriere eigentlich beenden wollte.“ Bis auf den Wiesen wieder gezeltet und live gejubelt werden kann, laden wohlbekannte Künstler*innen das Einhalden-Publikum zu unterhaltsamen Session ins Internet ein: Unter dem Label „mein e-xtra“ präsentieren sie seit Mitte Mai jeden Sonntag um 18 Uhr ein Küchen-, Wohnzimmer- oder Garten-Konzert auf dem eigens dafür eingerichteten YouTube-Kanal oder bei Facebook.

www.einhaldenfestival.de

Hoffnung auf den Herbst

Rosenau
 

„Wir haben die Soforthilfe erhalten, wir sind in Kurzarbeit und deswegen bis Ende des Sommers existenziell nicht gefährdet“, beschreibt Michael Drauz die aktuelle Lage der Kleinkunstbühne Rosenau in Stuttgart. Zudem flösse weiter die Kulturförderung von Stadt und Land. Doch wenn die Corona-Regeln im Herbst nicht gelockert werden könnten, drohen dem Theater und vielen Künstler*innen ernste Existenzprobleme. Für den Geschäftsführer des Rosenau Kulturvereins fühlt es sich so an, „als ob durch das Virus ein Jahr verloren geht“. Das `Stuttgarter Kabarettfestival` in Zusammenarbeit mit Renitenztheater, Merlin, Laboratorium und Theaterhaus musste ausfallen, ebenso findet das für Ende Juli geplante Festival ‚Bunter Beton‘ auf dem Dach des Züblin-Parkhauses nicht statt. Auf das Feuerseefest, das im September seinen zehnten Geburtstag feiern würde, macht sich der Rosenau-Chef wenig Hoffnung.

Im kleinen Theater fänden mit dem vorgeschriebenen Abstand, statt wie sonst 150, nur 16 bis 38 Personen Platz: „Je nachdem, wie viele Leute aus einem Haushalt nebeneinandersitzen dürfen.“ Im Juni startete die Rosenau mit einer Reihe Testveranstaltungen. Ob im September wieder das volle Programm laufen kann, sei schwierig einzuschätzen. Ziemlich sicher ist es jedoch, dass im Oktober der Quatsch Comedy Club unter Auflagen wieder ins SpardaWelt-Eventcenter zurückkehrt.

Wie Drauz erlebt, sorgt Lockdown zwar für soziale Distanz, schweißt die Menschen aber gerade darum zusammen: „Es ist schön, wie viele tröstliche Nachrichten, gute Wünsche und kleine Spenden wir von unseren Stammgästen jeden Alters bekommen. Auch die Künstlerinnen und Künstler erkundigen sich immer wieder, wie es uns geht.“

www.rosenau-stuttgart.de

70 Zuschauer reichen nicht

Friedrichsbau Varieté
 

Nach nur fünf Vorstellungen war für die quirlige Wohngemeinschaft im „TOLLhouse“ mit ihrer atemberaubenden Mischung aus Akrobatik, Tanz, Zauberei und Kabarett schon wieder alles vorbei. „Diese Show stand für Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz“, sagt Timo Steinhauer, Geschäftsführer im Friedrichsbau Varieté, „wir haben ein Jahr lang hart dafür gearbeitet, und das vorzeitige Aus hat schon extrem weh getan.“ Eine Neuauflage sei nicht in Sicht. Es werde kaum möglich sein, die Cast der internationalen Künstler so schnell wieder in Stuttgart zu vereinen. Nun hat die gemeinnützige Varieté-GmbH Kurzarbeit angemeldet, muss aber immer noch mit einer Eigenfinanzierungsrate von 85 Prozent und null Einnahmen fertig werden. „Der Plan ist, dass wir den regulären Spielbetrieb erst wieder aufnehmen, wenn die Abstandsregeln gelockert werden können“, stellt Steinhauer fest. „Sobald wir produzieren, läuft der Kostenapparat. Wir brauchen die komplette Verwaltung, die Abend-Crew, die Techniker – da gibt es keine Einsparungsmöglichkeiten.“ Der für 300 Zuschauer konzipierte Saal fasse unter Einhaltung der Abstandsregeln gerade mal 70 Personen: „Das reicht nicht einmal für die Gehälter unserer Angestellten, geschweige denn die Gagen und Unterbringung unserer Künstler, die GEMA-Gebühren und alles andere, was an einer Eigenproduktion dranhängt.“ Eine Ausnahme möchte der Varieté-Chef für die am 16. Juli angesetzte Absolventenshow der Berliner Artistenschule machen: „Diese Veranstaltung ist für uns ein Herzensprojekt und auch von großer Bedeutung für den künstlerischen Nachwuchs. Doch wir brauchen dafür noch Unterstützer.“

Ab September soll die Bühne wieder für Gastspiele öffnen. Die Premiere der „Magisch-artistischen Winterrevue“ ist derzeit für den 3.11.2020 geplant. Wer das Friedrichsbau Varieté in dieser schweren Zeit unterstützen möchte, kauft am besten jetzt schon Ticketgutscheine.

www.friedrichsbau.de


SCALA Ludwigsburg
 

„Es sieht ganz so aus, als könnten die Beschränkungen bis Ende des Jahres weitergehen und dann wird es richtig haarig“, sorgt sich Edgar Lichtner. Weil der Geschäftsführer der Scala Kultur Live gGmbH den leeren Saal des Ludwigsburger Soziokulturellen Zentrums nicht ertragen konnte („Wir haben hier mit den besten Sound in der ganzen Region“), hat er ihn Anfang Mai zum Fernsehstudio umfunktioniert: Vom Podium des ältesten Veranstaltungsorts in Ludwigsburg sendet Scala-TV zwei Formate. „Unplugged“ bringt Aufzeichnungen von halbstündigen Konzerten in die Wohnzimmer. „Interaktiv“ zeigt Talk-Runden zu vielfältigen soziokulturellen und inklusiven Themen, die durch die Pandemie in den Hintergrund gedrängt werden. Bis zu 500 Zuschauer können sich über den interaktiven Videodienst Zoom per Computer einklinken und im Chat ihre Fragen übermitteln. Der Clou an der Sache: Wer dabei seine Webcam einschaltet, wird auf dem Monitor nicht nur für die anderen virtuellen Gäste sichtbar, sondern auch auf einer großen Leinwand im Saal. Dort wiederum ist auf den 395 Kinosesseln mit ordnungsgemäßer Distanz genug Platz für 80 „echte“ Personen. „Wir bewegen uns gewissermaßen zwischen der virtuellen und der realen Welt“, sagt Lichtner. Einige Künstler*innen und Talker*innen, die sich bereits vor die Kamera im Clußsche Saalbau wagten, hätten ihm berichtet, dass sie auf diese Weise endlich eine Hemmschwelle überwanden: „Sie wollten die Virtualität schon lange ausprobieren und waren froh, dass sie einfach reingeworfen wurden.“ Reinklicken und anschauen unter www.scala.live/tv/

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